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Alfred Adler (7 фев 1870 — 28 мая 1937) Über den nervösen Charakter Wien 1912

Praktischer Teil

III. Kapitel.

Nervöse Prinzipien. — Mitleid, Koketterie, Narzissismus. — Psychischer Hermaphroditismus. — Halluzinatorische Sicherung. — Tugend, Gewissen, Pedanterie, Wahrheitsfanatismus.

Die Sehnsucht, alles haben zu wollen, drückt sich auf diesem Wege derart aus, dass alle Männer, zuweilen alle Menschen zum Ziel der Eroberung gemacht werden, wobei die Koketterie und das Zärtlichkeitsbedürfnis, die Unzufriedenheit mit dem erreichten Lose gar sehr in die Halme schiessen. Auffällig ist oft das Junktim mit Schwierigkeiten. Ein kleines Mädchen bevorzugt nur grossgewachsene Männer, oder die Liebe bricht erst los bei Verboten der Eltern, während das Erreichbare mit offener Geringschätzung behandelt wird. In den Gesprächen und Erwägungen solcher Mädchen taucht immer das einschränkende Wörtchen „nur“ auf. Sie wollen nur einen gebildeten, nur einen reichen, nur einen männlichen Mann, nur platonische Liebe, nur eine kinderlose Ehe, nur einen Mann, der ihnen volle Freiheit lässt usw. — Man sieht dabei oft die Entwertungstendenz so stark am Werke, dass schliesslich kaum ein Mann übrig bleibt, der ihren Anforderungen genügte. Meist haben sie ein fertiges, oft ein unbewusstes Ideal, dem Züge des Vaters, Bruders, einer Märchenfigur, einer literarischen oder historischen Persönlichkeit beigemengt sind. Je mehr man sich mit diesen Idealen vertraut macht, desto grösser wird unsere Überzeugung, dass sie als fiktives Mass aufgestellt sind, um daran die Wirklichkeit zu entwerten.

Bloch hat die Herrschsucht der Koketten gut hervorgehoben, indem er sagt (Beiträge zur Ätiologie der Psychopathia sex. 1903): „Die Koketterie, welche man als die Bemühung der Weiber, die Männer an sich zu fesseln und unter ihre Herrschaft zu bringen, definieren kann, bedient sich denn auch vorzüglich rein sinnlicher Mittel, um ihre Zwecke zu erreichen und ist in dieser Hinsicht ein Ausfluss echt gynaikokratischer Instinkte“. Wir können nur hinzufügen, dass diese „gynaikokratischen Instinkte“ nach dem Muster der Manngleichheit konstruiert sind, sich also von einem männlichen Persönlichkeitsideal abhängig erweisen, wenngleich durch einen Kunstgriff dabei weibliche Mittel als die einzig vorhandenen und wirksameren zur Anwendung gelangen.

Jeder Neurotiker hat etwas von dieser narzissistischen Koketterie; sie entstammt ja seiner hypostasierten Persönlichkeitsidee, und gründet sich wie diese auf einem ursprünglichen Gefühl der Minderwertigkeit. Mit diesem Zuge steht in gutem Einklange, dass sich jeder Neurotiker, insbesondere aber die eben behandelte Spielart, so schwer von Personen oder Dingen trennen kann. Der Abschied eines scheinbar fernstehenden Menschen, geschweige eines scheinbar geliebten kann die schwersten neurotischen Symptome hervorrufen, neuralgische Anfälle, Depression, Schlaflosigkeit, Weinkrämpfe etc. Andererseits sind Drohungen mit Verlassen oder Scheidung nicht selten, und sollen Beweise des Einflusses erbringen.

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Tags: Адлер
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