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Alfred Adler (7 фев 1870 — 28 мая 1937) Über den nervösen Charakter Wien 1912

Theoretischer Teil

III. Kapitel.

Die verstärkte Fiktion als leitende Idee in der Neurose.

Die meisten Autoren entschieden sich dahin, alle menschlichen Handlungen und Willensregungen als von Lust- oder Unlustempfindungen aus beherrscht anzunehmen. Eine oberflächliche Betrachtung scheint ihnen auch recht zu geben, denn in der Tat ist die menschliche Psyche zum Aufsuchen der Lust, zur Vermeidung der Unlust geneigt. Aber der Boden dieser Theorie schwankt. Es gibt kein Mass für das lustvolle Empfinden, ja nicht einmal für das Empfinden schlechtweg. Es gibt ferner keine Wahrnehmung, keine Handlung, die nicht nach Zeit und Ort verschieden, bei dem einen lustvoll, beim andern Unlust erregend wirken könnte. Und selbst die primitiven Empfindungen der Organbefriedigung erweisen sich als abgestuft und abstufbar je nach dem Sättigungsgrad und im Zusammenhang mit kulturellen Leitlinien, so dass nur grosse Entbehrungen es vermögen, die Befriedigung zum Zielpunkt zu machen. Ist diese dann eingetreten, — sollte wirklich die Psyche dann ihre Richtungslinie verlieren? Die Nötigung der Psyche, Orientierung und Sicherheit zu gewinnen, erfordert zu ihrem Ausbau und zu ihren Leistungen einen festeren Standpunkt als das schwankende Prinzip der Lusterfahrung und einen stärker fixierten Blickpunkt als das Ziel der Lustgewinnung. Die Unmöglichkeit, sich daran zu orientieren und sein Handeln einzurichten, zwingt auch das Kind, derartige Versuche aufzugeben.

Aber wir können jeden Augenblick wahrnehmen, dass wir Handlungen begehen, die sowohl das Prinzip der Selbsterhaltung als der Erhaltung der Gattung verletzen, ja dass uns eine gewisse Willkür (Fries, Meyerhof) gestattet, ebenso wie bezüglich der Lust, auch bezüglich der Selbsterhaltung unsere Wertung nach oben oder nach unten zu verschieben, dass wir auch oft auf Selbsterhaltung ganz oder teilweise verzichten, sobald Lust oder Unlust ins Spiel kommt, dass wir andererseits die Lustgewinnung häufig aufgeben, sobald unserem Selbst eine Schädigung droht. In welcher Weise ordnen sich diese beiden, sicherlich wirksamen Anreize der Hauptleitlinie unter, die zur Erhöhung des Persönlichkeitsgefühls antreibt? Die zwei verschiedenen Anschauungen entsprechen zwei Typen von Menschen, denen sich noch andere anreihen lassen, deren einer in seinem Persönlichkeitsgefühl des Beitrags der Lust am wenigsten entraten kann, während der andere einen Einschlag des Lebensgefühls, des Unsterblichkeitsgedankens in erster Linie fordert. Daraus entstehen modifizierte Apperzeptionsweisen, die ein gegensätzliches Denken im Sinne von „Lust — Unlust“, von „Leben —Tod“ bedingen. Die Einen können die Lust nicht, die Andern das Leben nicht entwerten. Im Gedanken der Zeugung, die wieder gegensätzlich nach dem Schema „Männlich-Weiblich“ gedacht wird, nähern sich diese beiden Typen und suchen ihren Ausdruck in der Richtung des „männlichen Protests“. So weit nervöse Menschen dabei in Betracht kommen, hat der eine Typus die Unlustgefühle seiner Organminderwertigkeit zu kompensieren gesucht, der andere ist in der Furcht vor dem Tode, vor frühem Sterben aufgewachsen. Ihre Anschauung der Welt liefert ihnen nur Bruchstücke, ihre Seele ist partiell farbenblind, dabei aber oft scharfsichtiger, wie die Daltonisten in ihrem Farbenverständnis.

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